Interview mit True Crime Austria – 9 Fragen an Katharina und Hubertus
Ein Interview mit den beiden Podcastern von True Crime Austria. Neun Fragen an Katharina und Hubert und ihre Antworten.

Wer seid ihr eigentlich? Stellt euch doch kurz einmal vor!
Katharina: Wir sind Katharina und Hubertus, zwei Journalist:innen mit Rechercheleidenschaft. Seit 2019 gibt es unseren Podcast True Crime Austria, wo seit März 2020 monatlich eine Folge erscheint. Ich bin im „echten Leben“ Redaktionsleiterin in einer Gesundheitsredaktion und schreibe nebenher freiberuflich im popkulturellen Bereich.
Hubertus: Ich habe zuletzt bei einer Rechercheplattform gearbeitet, dort war ich für das Department Informationsdesign verantwortlich. Im vergangenen Jahr habe ich mit zwei Kolleginnen ein Produktionsunternehmen gegründet.
In unserem Format möchten wir das einbringen, was uns selbst teilweise fehlte: gründliche Recherchen und die Nachvollziehbarkeit der Angaben, die manchmal vielleicht einfach schnell ins Mikro gesprochen werden. Wir hoffen, dass wir damit unseren USP der besonderen Sorgfalt und Vollständigkeit erfüllen können. Dabei versuchen wir, in jeder Folge etwas herauszuarbeiten, das so noch in keinem anderen Format, vielleicht auch noch gar nicht!, genannt wurde.
Wie kamt ihr zum Namen eures Podcasts?
Der Name war tatsächlich kein großes Thema, weil wir uns an unserem Netzwerk Podriders orientiert haben. Dort gibt es ein Format, das sich mit Fällen aus Deutschland beschäftigt und bei dem ich auch selbst mitgewirkt habe. Wir haben das für unseren Österreich-Fokus übernommen. So einfach kann es manchmal sein.
Wenn euch übrigens interessiert, was sich im Netzwerk noch so tummelt: hört gern einfach mal rein!
Wie kamt ihr zu eurer allerersten Folgen? Warum genau dieser Fall?
Katharina: Wer mag keine Schokolade? 🙂 Wir wollten direkt mit etwas starten, das zeigt, was uns ausmacht. Ein historischer Fall, bei dem man auch gesellschaftlich einhaken kann, eine Täterin, da in vielen Fällen oft erst an Täter gedacht wird, und etwas, das vielleicht nicht sofort bekannt ist. Es wäre einfach gewesen, einen DER österreichischen Kriminalfälle zu nehmen. Aber wir suchen gern auch abseits der herkömmlichen Pfade und haben so auch den Schokoladenkönig gefunden.
Hubertus: Damit haben wir unsere interne Messlatte gleich einmal sehr ambitioniert hochgelegt. Für diesen Fall sind über eineinhalb Monate an Recherche-Zeit draufgegangen. Da sind wir inzwischen effizienter.
Was sind eure persönlichen Lieblings-TC Podcasts?
Katharina: Natürlich hören wir selbst auch Podcasts, es sind aber nicht primär True-Crime-Themen. Und ich weiß schon, dass sich unsere Antworten da nun unterscheiden werden 😀
Bei mir gehören in dem Segment nun schon seit Längerem Zeit Verbrechen und Verbrechen von nebenan dazu. Außerdem mag ich Projekte, die sich einem Fall in mehreren Folgen widmen, etwa Blutiger Herbst oder Dunkle Heimat. Teilweise findet man einzelne True-Crime-Themen auch bei „radioWissen“ und „WDR ZeitZeichen“. Aber da kommen wir schon in die Richtung von Hubertus‘ Empfehlungen.
Hubertus: Ich kann da mit gutem Gewissen vor allem ein Format nennen: Verbrechen der Vergangenheit. Dort wird nach einem Mini-Interview eines Redakteurs oder einer Redakteurin ein Artikel aus dem GEO-Epoche-Archiv wie ein Hörbuch gelesen. Die Themen und Geschichten sind toll und wirklich schön anzuhören, auch wenn es vielleicht kein typischer Podcast, sondern eher eine Zweitverwertung ist – allerdings mit wirklich guten Inhalten.
Wie recherchiert ihr für eure Folgen?
Hubertus: Uns ist die Recherche sehr wichtig. Wir haben als Journalist:innen nicht nur große Freude daran, die einzelnen Informationen zusammenzusetzen, sondern wollen natürlich auch ein möglichst umfassendes und fundiertes Bild für die Zuhörenden liefern. Unsere Themenliste ist auch dank der Hinweise, die über Social Media oder per Mail immer wieder reinkommen, schon gut gefüllt. Abseits davon stoßen wir bei unserer Arbeit auch häufig auf mögliche Fälle.
Katharina: Tatsächlich sind wir allein schon aus Eigeninteresse mit einer ausführlichen Fallliste gestartet. Wir versuchen natürlich, bei den monatlichen Folgen so abwechslungsreich wie möglich zu bleiben, in den Zeiten und Themen zu springen, auch wenn wir natürlich Verbindungen nutzen, wenn sie sich auftun.
Bei der Erstellung der Inhalte arbeiten wir gemeinsam. Meistens übernimmt eine/r von uns zu Beginn den ersten Überblick und dann checken wir alle Stellen, an denen wir Material zum Fall finden können. Je nach Präferenz oder Vorwissen verteilt es sich das quasi von allein.
Hubertus: Unsere Kooperationen mit dem Wiener Kriminalmuseum oder dem Hans Gross Kriminalmuseum in Graz sind dabei natürlich extrem hilfreich. Die Originalakten und begleitende Dokumente zu lesen und Informationen aus erstes Hand zu bekommen, kann keine reine Onlinerecherche ersetzen. Außerdem freuen wir uns sehr, dass wir auch schon spannende Interviewgäste bei uns begrüßen durften. Wir hoffen, dass sich das nach der Coronazeit dann endlich wieder öfter anbietet!
Welcher Fall es wird, ist bei uns nicht strikt vorgeplant, aber zumindest über die nächsten Monate festgehalten, weil wir parallel meist an mehreren Recherchen arbeiten. Da wir auch in Archive gehen oder Anfragen versenden, kommt es immer ein bisschen auf den Aufwand an und darauf, wann alles beisammen ist. Es ist also ein Mix aus Fallzusammenstellung und dem Recherchefortgang.
Katharina: Im Anschluss übernehme ich den Schnitt und die Postproduktion, Hubertus kümmert sich um den visuellen Part und erstellt aus dem recherchierten Bildmaterial die Galerien für unseren Social-Media-Auftritt. Das Community-Management machen wir dann wieder gemeinsam.
Gibt es Fälle, die euch besonders mitgenommen haben?
Katharina: True Crime bedeutet immer auch, mit sehr harten Themen umzugehen, und ich denke, es gibt keine Folge, über die wir nicht noch diskutiert und nachgedacht haben. Allein aufgrund ihrer Brutalität war Folge 6 um Josefine Luner und Anna Augustin zumindest für mich besonders schwer abzuwägen. Ich weiß noch, wie lange wir davor darüber gesprochen haben, was wir nun mit reinnehmen oder was wir wie sagen können, weil es einfach so explizit war.
Hubertus: Ich versuche, da möglichst nicht zwischen einzelnen Fällen zu werten. Schlimm ist auf seine Weise ja jedes Verbrechen. Je detaillierter unsere Informationen über einen Fall sind, desto stärker sind natürlich die Eindrücke, die wir mitnehmen. Nach diesem Maßstab war der Fall um die Haustyrannin Josefine Luner, die ihre Dienstmagd Anna Augustin zu Tode quälte, tatsächlich einer der explizitesten.
Katharina: Oder der Fall 13 um Raven Vollrath, bei dem die sehr tapferen Eltern mit aller Kraft für die Aufklärung des Falls gekämpft haben. Da haben wir auch am Feedback bemerkt, wie stark diese Geschehnisse bewegen.
Am meisten gesprochen habe ich vermutlich über Folge 10, Martha Marek. Dieser Fall kommt mir immer mal wieder in den Sinn, weil er so absurd ist. Im Grunde Versicherungsbetrug, aber mit so vielen seltsamen Details. Da muss man unweigerlich den Kopf schütteln. Und meine honorable mention ist immer die „Frau in Gold“, Folge 12, eine meiner Lieblingsfolgen von uns.
Hubertus: Der Fall ist schön um die Ecke gedacht, mir gefällt die Episode auch sehr! Es geht darin um einen Restitutionsfall. In der NS-Zeit wurde vielen Familien Eigentum weggenommen, das danach eigentlich an die Erben hätte zurückgegeben werden müssen – was aber nicht geschah. In diesem Fall war es die Republik Österreich, die die Rückgabe von Klimts „Frau in Gold“ verweigerte.
Katharina: Wenn wir über die expliziten Fälle sprechen, sehe ich es auch als unsere Aufgabe, die Hörerinnen und Hörer ein Stück weit an die Hand zu nehmen. Wenn es besonders schlimm wird, tun wir das sehr deutlich, indem wir sagen: Jetzt wird es explizit. Auch Content Notes zu Beginn kommen vor, wenn etwas den „normalen“ True-Crime-Rahmen sprengt.
Hubertus: Denn gleichzeitig muss man auch sagen, dass jedem, der sich bewusst einen True-Crime- Podcast anhört, klar sein sollte, dass es dort um unschöne Ereignisse, schlimme Schicksale und menschliche Abgründe geht. Was nicht heißt, dass wir nicht auch mal über gute Wendungen und positive Entwicklungen sprechen.
Was glaubt ihr, warum True Crime Podcasts so beliebt sind?
Hubertus: Katharina und ich verfolgen da tatsächlich zwei unterschiedliche Erklärungsansätze, über die wir auch nicht selten diskutieren. Ich für meinen Teil denke, dass der Grund dafür tief in unserer menschlichen Natur zu finden ist. In grauer Vorzeit war es für die Menschen überlebenswichtig, sich genau anzusehen, woran andere gestorben sind, um dieses Schicksal für sich selbst vermeiden zu können. Frei nach dem Motto: Wenn mein Höhlennachbar vom Säbelzahntiger gerissen wurde, na, dann sehe ich mir das lieber einmal an, um selbst nicht der Nächste zu sein. Genau so, wie es heute noch bei Unfällen stets Gaffer gibt. Fragt man sie, warum sie sich das Leid anderer ansehen, können es die meisten oft nicht benennen. Es steckt einfach als Impuls in uns allen.
Katharina: Dennoch möchte ich Voyeurismus und Sensationslust klar von dem persönlichen, teils sicher auch wissenschaftlichen Interesse abgrenzen. Ich verstehe die Sicht derjenigen, die kritisch sagen: Mit True Crime wird das Leid anderer zur Unterhaltung genutzt. Daher ist eine wichtige Grundlage von medialen Produkten in diesem Bereich, wie darin damit umgegangen wird. Aber das führt uns wieder weg von der eigentlichen Frage.
Um darauf zurückzukommen: ich finde Hubertus’ Ansatz nicht abwegig, glaube persönlich aber vor allem an Prägung. Wir wachsen damit auf, dass wir nicht mit Fremden sprechen oder mitgehen sollen. Vor allem als Frau ruft man sich nach dem Heimgehen nochmal an und sagt Bescheid, dass man gut angekommen ist. Mir wurde früh erklärt, was ich tun soll, wenn ich im Dunkeln angegriffen werde. Verbrechen, zumindest die Furch davor, ist irgendwie ein Bestandteil des Lebens, ob man will oder nicht. Da entsteht zwangsläufig die Frage: Kann das uns allen passieren? Das Interesse könnte ein Umgang mit der schweren Thematik sein.
Außerdem ist True Crime an sich ja nicht neu. Es hat die Menschen immer umtrieben. Allerdings: Podcasts erleben im europäischen Raum jetzt ihren Aufschwung. Es ist nur logisch, dass sich innerhalb des Mediums dann auch mehr und mehr Projekte diesem Thema widmen – vor allem, wenn es offenbar so viel Interesse daran gibt. Dennoch ist mein Appell immer, nicht alle in einen Topf zu werfen. Differenzierungen sind immer gut und wichtig.
Wie können eure Hörer euch unterstützen?
Hubertus: Wir freuen uns immer, wenn Hörer und Hörerinnen uns schreiben, Feedback geben, Vorschläge machen oder oder oder. Darüber hinaus gibt es aber natürlich auch noch die gute alte Empfehlung! Erzählt anderen von unserem Format, teilt unsere Beiträge oder bewertet uns auf den Audioplattformen. Bewertungen und ein Daumen hoch können uns tatsächlich helfen, in Rankings aufzutauchen und die Reichweite zu erhöhen.
Katharina: Wer auch finanziell einen Beitrag leisten mag, ist natürlich ebenfalls herzlich eingeladen! True Crime Austria hat nichts mit unseren regulären Jobs zu tun und entsteht komplett in unserer Freizeit. Über Patreon, Steady oder direkte Sendungen via Paypal könnt ihr dazu beitragen, das Projekt zu unterstützen. Auf Patreon und Steady werden unsere Folgen als Dankeschön auch etwas früher veröffentlicht und es gibt zum Beispiel exklusiven Zugriff auf Bonusfolgen. Die Kanäle wurden zu Neujahr 2022 gerade ganz frisch aufgesetzt.
Eine abschließende Frage: Schaut ihr vor dem Schlafengehen unters Bett? 😉
Katharina: Ich würde sofort! *lacht* Aber zum Glück haben wir Rollboxen drunter und ich weiß mit Sicherheit, dass sich da niemand verstecken kann.
Hubertus: Selbst wenn es ginge: Niemand, der noch bei klarem Verstand ist, würde sich unter diesem Bett und in diesen Rollboxen verstecken. Der Staub, der sich da angesammelt haben muss, bedeutet für jeden Bösewicht nichts Gutes. Dann hätten wir direkt unseren eigenen True-Crime-Fall im Haus.
Von der Redaktion: Vielen lieben Dank für das Interview an Katharina und Hubertus!